
Grüner Salon goes Vienna
Die wunderbare Einfachheit der Information!
Wenn wir ein Buch mit Mister ISOTYPE Otto Neurath schreiben würden, könnte der Titel lauten: Die wunderbare Einfachheit der Information. Das kurze Vorwort bestünde vielleicht noch aus Vokalen, Konsonanten und Satzzeichen. Der Rest wären Piktogramme, die von Seite zu Seite alles klar machten. Aber zurück in die Realität. Die Ausstellung „Wissen für alle“ im Wien Museum (noch bis 5. April 2026) setzt Zeichen. Wir haben zu einer persönlichen Führung durch die Ausstellung geladen und haben uns von genialen Zeichen (und anschließendem Wiener Melange) inspirieren lassen.


Günther Matern nennt Otto Neurath liebevoll den Erfinder der Piktogramme. Dabei war er kein Grafiker, sondern Philosoph, Ökonom und Österreicher. Er war an Bildung interessiert und daran, komplexe Informationen leicht erfassbar zu machen. In der Ausstellung „Wissen für alle“ würdigt das Wien Museum den Pionier der Infografik und seine „sprechenden Zeichen“. Neurath nannte sie ISOTYPE – I-nternational S-ystem O-f TY-pographic P-icture E-ducation.
Piktogramme liefern uns heute von Pupille zu Gehirn rasend schnelle Informationen. Sie sind allgegenwärtig in unserem Alltag. Von Toilette über Sturzgefahr bis zur richtigen Funktionstaste an der Kaffeemaschine. Sie sind uns so selbstverständlich, dass wir sie keines Gedankens würdigen. Aber irgendwann kamen sie auf die Welt, gab es einen Anfang und der war in den 1920er-Jahren in Wien.
Damals revolutioniert Otto Neurath die Vermittlung von Wissenschaft, von gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Es findet eine Demokratisierung des Wissens statt, durch neue Methoden der visuellen Kommunikation. Mit Piktogrammen und Mengenbildern wird die „Wiener Methode der Bildstatistik“ in den 1930er-Jahren als „Isotype“ zu einer weltweit verwendeten Bildsprache.
Das Kernteam bestand aus Otto Neurath, der Grafikerin Marie Reidemeister und dem Künstler Gerd Arntz. Natürlich sind auch alle weiteren beteiligten Künstler:innen zu würdigen, wie Peter Alma, Bernhard Cella, Nikolaus Fuchs, Wilfried Gerstel, Olaf Osten, Hermann Josef Painitz, Andrea Ressi, Christian Rupp und August Tschinkel. Sie hatten eine internationale Bildsprache im Fokus, gestalteten Zeichen für ein modernes Informationsdesign.
Zielgruppe? Alle!

Neben der musealen Informationswelt sollten wir aber auch hineinschnuppern in das Denken, in die Genialität von Otto Neurath. Denn wenn wir heute Piktogramme sehen oder einsetzen, sind sie längst gelernt und meist nur einen Klick entfernt. Im WWW, in Daten- oder Bildbanken. KI liefert auch ein bisschen und schon ist die Auswahl riesig.
Was aber, wenn man selbst Zusammenhänge auf eine Figur oder ein Zeichen herunterbrechen muss? Als Erster, ohne Copy and Paste? Die Einfachheit ist eine hohe Kunst! Uns Gestaltern geht es um genau diese Inspiration, die sich aus dem Bestreben ergibt, einen Sachverhalt so einfach wie nur möglich darzustellen. Im besten Fall weltweit verständlich.


Allein der Gedanke, der Erste zu sein, der ein Zeichen für Arbeitslosigkeit entwickelt (Bilder), das bis heute Bestand hat, ist aufregend. Die Kopfhaltung, die eingeknickten Schultern, die Hände in der Hosentasche! Bewusste Reduktion, die Konzentration aufs Wesentliche hat viel mit Gestaltung zu tun, noch mehr aber mit Beobachtung und Empathie. Das wiederum ist keine historische Weisheit aus den 1920er-Jahren, sondern gilt immer noch. Über 100 Jahre später!
Eine der drängendsten Fragen im Kommunikationsdesign lautet doch: Was ist die Botschaft und wie bringen wir sie klar zur Zielgruppe? Kommunikation ist eine dynamische Disziplin und wenn sich diese Dynamik aus einem starken Kern heraus entwickelt, dann kommt Kraft in die Kommunikation.
Inspiration, Input und Impuls sind wirklich gute Freunde. Die Betrachtung der Leistungen von Otto Neurath und seinen Leuten bringt auch wieder neue Anstöße in unsere Zeit. Sie wirkt. Ob in einem Logo, in einer Komposition von Bild und Text, in einer Headline oder einer Titelgestaltung.

Können Zeichen mehr als Wörter?
In der Ausstellung finden wir eine Antwort aus den 1930er-Jahren: Worte trennen, Zeichen verbinden. Sie stammen aus einer Zeit, in der Bildung nicht jedem zugänglich war. Zeichen sind tatsächlich bei bestimmten Themen leichter lesbar, schneller zu erfassen, klarer in der Info. Wenn sie gut gemacht sind! Was durch die ISOTYPE angestoßen wurde, findet in der Folge viele Facetten, die uns das Leben leichter und schöner machen.
Hier ein paar Beispiele:

Plan London Underground 1933
Zuvor waren die U-Bahn-Pläne realistisch, geografisch nachvollziehbar, aber nicht klar und schnell in der Info. 1933 liefert Henry C. Beck die endgültige Form. Ein direktes und schnörkelloses System. Der Prototyp für funktionale Linienpläne weltweit.
Und wieder war es (leider) kein Grafikdesigner, sondern ein Bauingenieur, der Form und Botschaft mit dem Bedürfnis nach schneller Erfassbarkeit visionär verband.

Piktogramme und Analphabetismus in Mexiko City
Mexico City hat eine besonders hohe Analphabetismus-Quote. Damit auch Menschen, die nicht lesen können, die U-Bahn nutzen können, ist jede Station mit einem individuellen Zeichen versehen, das die Station repräsentiert.
Von Heuschrecke bis Krokodil reichen die Piktogramme. Man fährt in Mexico City also von Ente bis Pfau und steigt beim Apfelbaum um. Gestaltung im Einsatz für sozialen Ausgleich. Eingeführt wurden diese Piktogramme 1969 basierend auf einem System vom Designer Lance Wyman.

Extreme Fokussierung im Schachfigurendesign
Figuren aus der Bauhaus-Epoche 1923 von Josef Hartwig. Wieviel Funktion Reduktion doch tragen kann! Jede Figur zeigt, wie man mit ihr ziehen bzw. springen kann:
Ein X für den Läufer, der nur schräg ziehen kann. Ein Würfel für den Turm, der nur die Geraden abdeckt. Welche geometrische Figur übernimmt wohl die Dame, der jede beliebige Richtung offen steht?

Mother&Child in Wort und Bild
Die Verschmelzung von Bedeutung und Form in der Wort-Typo-Gestaltung findet in den 1970ern beim amerikanischen Designer Herb Lubalin einen Höhepunkt. Mit Charme, Aha- und Wow-Effekt! Dass dieses Denken einen Ursprung in Wien bei Otto Neurath hat, lässt sich plötzlich begeisternd nachvollziehen.

Piktogramme der Olympischen Spiele
Olympiareif waren und sind die Piktogramme von Otl Aicher, die die Olympischen Spiele in München 1972 auch außerhalb des Sports zu etwas Wegweisendem machten. Seine Piktogramme sind die Hohe Kunst der wortlosen Darstellung von komplexen menschlichen Bewegungen.
Manchmal entscheidet nur ein 45-Grad-Winkel (beim rechten Bein), über die eindeutige Position – und zwar global. Oder wie sonst sollte man Gewichtheben oder andere Sportarten weltweit verständlich darstellen?
Zurück zur Genialität
Warum sind Piktogramme und die Motivation ihrer Entstehung für erfolgreiche Werbekommunikation überhaupt von Bedeutung? Weil hier haarscharf nachgedacht wird, wie die Information haarscharf die Zielgruppe trifft. Weil hier das Denken, das Probieren, das Fixieren vollinhaltlich mitleben. Weil es hier wie in der Kommunikation darum geht, Klarheit zu schaffen.
Wenn wir in einem Logo alle Informationen bündeln, kommen wir der Arbeit von Otto Neurath vielleicht ein bisschen näher. Damit erzeugt sein Denken Einzigartigkeit und Alleinstellung zum Beispiel selbst bei „modernen“ Logogestaltungen.
Immer geht es um die Transformation der Realität in ein Kommunikationsdesign. Und dass Wissensvermittlung heute wie damals auch Handwerk ist, beweisen die Piktogramme in den Gestaltungsprogrammen der Werkzeuge für Zeichnen, Schneiden, Einfärben und Drucken.
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